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Internetsucht und Gaming Disorder

Von Redaktion Psychotherapie verstehen ca. 3 Min.

Ein von Efeuranken umrankter Spiele-Controller neben einem Notizbuch auf einem Tisch
Therapeutische Ansätze helfen, exzessive Mediennutzung zu überwinden. Illustration: KI-generiert

Die zunehmende Nutzung digitaler Medien hat in den letzten zwei Dekaden zu neuen Phänomenen im Bereich psychischer Störungen geführt. Internetsucht und Gaming Disorder stellen moderne Herausforderungen dar, die von Klinikern, Forschern und Therapeuten ernst genommen werden müssen. Diese Störungen zeichnen sich durch ein unkontrolliertes Nutzungsverhalten aus, das erhebliche Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen und schulischen Bereichen mit sich bringt. Der vorliegende Artikel beleuchtet die klinischen Charakteristika, den wissenschaftlichen Hintergrund und evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten dieser zunehmend relevanten Störungsbilder.

Wissenschaftlicher Hintergrund und Diagnostik

Die Gaming Disorder wurde 2019 in die elfte Revision der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen. Sie wird als Verhaltensstörung klassifiziert und zeichnet sich durch ein persistierendes oder rezidivierendes Spielverhalten aus, das Vorrang vor anderen Aktivitäten hat und trotz negativer Konsequenzen fortgesetzt wird.

Im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) wird die Internet Gaming Disorder als Zustand aufgelistet, der weiterer Forschung bedarf. Die Kernmerkmale umfassen den Kontrollverlust über das Spielverhalten, eine zunehmende Priorität des Spielens gegenüber anderen Interessen und die Fortsetzung oder Eskalation des Verhaltens trotz negativer Folgen. Neurobiologische Forschungen deuten darauf hin, dass ähnliche Belohnungsmechanismen wie bei substanzgebundenen Abhängigkeitsstörungen aktiviert werden, insbesondere die Dopaminausschüttung im mesolimbischen System.

Internetsucht im weiteren Sinne bezieht sich auf exzessive Internetnutzung, die nicht auf Gaming beschränkt ist, sondern auch Social Media, Streaming-Dienste und andere Online-Aktivitäten umfasst. Beide Störungsbilder teilen gemeinsame Merkmale mit anderen Verhaltenssüchten und zeigen Parallelen zu Substanzabhängigkeitserkrankungen, weshalb ein tieferes Verständnis der Suchtmechanismen erforderlich ist.

Klinische Präsentation und Differentialdiagnose

Patienten mit Gaming Disorder berichten typischerweise von Entzugssymptomen wie Reizbarkeit, Angst oder Traurigkeit bei Unterbrechung des Spielens. Sie zeigen eine Toleranzentwicklung, die zu einer Steigerung der Spielzeiten führt, um die gleiche psychische Wirkung zu erreichen. Häufig liegt ein Kontrollverlust vor, wobei Betroffene länger spielen als beabsichtigt oder erfolglose Versuche unternehmen, das Verhalten zu reduzieren.

Die Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen ist klinisch bedeutsam. Während Spielsucht und Glücksspielstörung sich auf Glücksspiele konzentrieren, bezieht sich Gaming Disorder auf Video- und Online-Spiele. Depressive Störungen, Angststörungen und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen können komorbid auftreten und müssen differentialdiagnostisch berücksichtigt werden. Eine genaue Anamnese und klinische Bewertung sind erforderlich, um primäre von sekundären Symptomen zu unterscheiden.

Psychosoziale Konsequenzen können erheblich sein: Schulleistungen verschlechtern sich, soziale Beziehungen leiden, und es können physische Gesundheitsprobleme wie Schlafstörungen und mangelnde körperliche Aktivität auftreten. In schweren Fällen können finanzielle Probleme durch In-Game-Käufe entstehen.

Therapeutische Interventionen und Behandlungsansätze

Verhaltenstherapeutische Ansätze haben sich als wirksam in der Behandlung von Internetsucht und Gaming Disorder erwiesen. Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zielt darauf ab, dysfunktionale Gedankenmuster zu identifizieren und zu modifizieren, die das exzessive Spielverhalten aufrechterhalten. Techniken wie Stimulus-Kontrolle, Verhaltensaktivierung und Rückfallprävention werden angewendet.

Motivierende Gesprächsführung kann besonders effektiv sein, um die intrinsische Motivation zur Verhaltensänderung zu stärken. Eine Analyse der Funktionen des Spielverhaltens ist notwendig, um zugrunde liegende psychische Bedürfnisse zu verstehen, die durch das Spielen erfüllt werden, beispielsweise Flucht vor negativen Emotionen oder Bewältigung von Stress.

Die Behandlung von komorbiden Störungen ist zentral. Ähnlich wie bei Drogenabhängigkeit behandeln erfordert auch die Gaming Disorder einen umfassenden Behandlungsansatz. In schweren Fällen kann eine stationäre Behandlung notwendig sein. Familientherapeutische Interventionen können unterstützend wirken, insbesondere bei adoleszenten Patienten, um Kommunikationsmuster zu verbessern und Grenzen zu setzen.

Prävention spielt eine wichtige Rolle, besonders im Kindes- und Jugendalter. Psychoedukation über risikohaftes Spielverhalten, Medienkompetenz und die Etablierung gesunder digitaler Gewohnheiten sollten früh gefördert werden.

Fazit

Internetsucht und Gaming Disorder sind komplexe Störungsbilder, die zunehmend klinische Aufmerksamkeit erfordern. Eine genaue diagnostische Erfassung, die Berücksichtigung komorbider Störungen und ein individualisierter therapeutischer Ansatz sind essentiell für eine erfolgreiche Behandlung. Verhaltenstherapeutische Techniken bieten eine evidenzbasierte Grundlage für Interventionen. Weitere Forschung ist notwendig, um die langfristigen Effekte von Behandlungsmaßnahmen zu evaluieren und präventive Strategien zu optimieren.

Dieser Artikel fasst Wissen allgemein verständlich zusammen und kann eine individuelle Beratung nicht ersetzen.

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